The Aesthetics of Disinformation
Daniel Chinellatos Dissertation über bildliche und multimodale kommunikative Akte.
Wie kann eine Person oder Institution mit einem Bild etwas behaupten, lügen, irreführen oder Zeugnis ablegen? Meine Dissertation entwickelt eine Antwort im Rahmen der Sprechakttheorie.
Dissertation · Humboldt-Universität zu Berlin
Die Dissertation setzt bei einer einfachen Asymmetrie an. Beantwortet jemand eine Frage mit einem Satz, den er für falsch hält, lautet das gewöhnliche Urteil, dass er lügt. Beantwortet er dieselbe Frage mit einer alten oder manipulierten Fotografie, klassifizieren viele philosophische Ansätze den Akt lediglich als Irreführung. Ich argumentiere, dass sich dieser Unterschied nicht allein durch den Kommunikationsmodus erklären lässt. Entscheidend ist, ob sich der Sprecher auf die als wahr dargestellte Proposition assertorisch festlegt.
Mein Ansatz behält die auf J. L. Austin und John Searle zurückgehende Unterscheidung zwischen dem verfügbar gemachten Inhalt, der Kraft des Aktes und seinen Wirkungen auf ein Publikum bei. Er gibt jedoch die Annahme auf, dass der Akt sprachlich vollzogen werden muss. Ein kommunikativer Akt ist modusneutral. Ein bildlicher Akt ist ein kommunikativer Akt, den eine Person, eine Gruppe oder eine Institution mit einem Bild oder einer tragenden bildlichen Komponente vollzieht. Bilder machen Inhalte verfügbar; Sprecher vollziehen Akte und sind für sie verantwortlich.
Das Argument
Jenseits des Sagens
Der erste Teil der Dissertation argumentiert, dass sprachliche Kodierung nicht die Grenze zwischen Lüge und bloßer Irreführung bestimmt. Ein Sprecher kann sich assertorisch festlegen, ohne die betreffende Proposition in einem Satz zu kodieren. Damit wird verständlich, wie man im wörtlichen Sinne mit Bildern lügen kann, ohne den Unterschied zwischen Lüge und bloßer Irreführung aufzugeben.
Vom Bildinhalt zum Aktinhalt
Ein Bild macht gewöhnlich weit mehr Inhalt verfügbar, als ein einzelner Akt vorbringt. Eine Fotografie kann zugleich einen Ort, Kleidung, Wetter, Licht und viele weitere Merkmale zeigen. Welche Proposition bildet dann den Inhalt des Aktes? Ich argumentiere, dass eine öffentlich erkennbare Praxis, angewandt auf öffentlich zugängliche Merkmale des Aktes und seiner Situation, die jeweils relevante Proposition bestimmt. So lässt sich Bildinhalt von Aktinhalt unterscheiden, ohne das Bild wie einen stummen Satz zu behandeln.
Sobald der Aktinhalt bestimmt ist, trägt die Praxis auch dazu bei, das Verhältnis des Sprechers zu dieser Proposition zu bestimmen. Die Dissertation unterscheidet drei jeweils propositionsbezogene Festlegungsrelationen: Freier Akt, Suggestion und Behauptung. Diese Unterscheidungen erklären, warum dasselbe bildliche Material gezeigt werden kann, ohne als wahr präsentiert zu werden, zur Erwägung gestellt oder unter der Verantwortung vorgebracht werden kann, es zu verteidigen, zu korrigieren oder zurückzunehmen.
Multimodale kommunikative Akte
In multimodalen Akten können Bilder, Wörter, Ton, zeitliche Abstimmung und Sequenz auf unterschiedliche Weise beitragen. Manchmal liefern koordinierte Komponenten gemeinsam einen Aktinhalt, den keine von ihnen allein liefert. Diese Relation nenne ich Komplementation. In anderen Fällen bleibt der Aktinhalt unverändert, während eine Komponente die Rezeption beeinflusst, die Festlegung des Sprechers qualifiziert oder für die Frage relevant ist, wem der Akt zuzuschreiben ist. Die Analyse hält daher Inhalt, Rezeption, Sprecherzuschreibung und Festlegung auseinander.
Fotografisches Zeugnis unter synthetischer Unsicherheit
Der letzte Teil behandelt fotografisches Zeugnis. Es erfordert mehr als fotografisches Aussehen: Eine Proposition über ein aufgezeichnetes Geschehen muss als Aktinhalt bestimmt sein, ein verantwortlicher Sprecher muss öffentlich zugeschrieben werden können und die Proposition muss assertorisch präsentiert werden. Synthetische Medien können diese Bestimmungen unter Druck setzen, indem sie offenlassen, ob eine bildliche Komponente als fotografische Aufzeichnung oder als synthetische Konstruktion zu behandeln ist.
Mit de-forcing bezeichne ich den Grenzfall, in dem Inhaltsbestimmung, Sprecherzuschreibung und Kraftbestimmung innerhalb desselben situierten Vollzugs scheitern. Daraus folgt nicht, dass synthetische Medien fotografisches Zeugnis allgemein zerstört haben. Der Begriff bezeichnet die engeren Bedingungen, unter denen ein vermeintlicher Akt fotografischen Zeugnisses nicht zustande kommt.
Warum Ästhetik?
Bildliche Form ist nicht bloß dekorativ. Ausschnitt, sichtbare Einzelheiten, Sequenz und Koordination beeinflussen, welche Inhalte ein Bild verfügbar macht und welche Proposition ein kommunikativer Akt vorbringt. Das Erscheinungsbild allein entscheidet jedoch weder darüber, ob ein Sprecher lügt, noch darüber, ob Zeugnis vorliegt. Die zentrale These lautet, dass Bilder Material liefern, während Sprecher mit diesem Material innerhalb öffentlicher Praktiken der Zuschreibung, Anfechtung, Korrektur und Rücknahme handeln.